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Draisinentour

Draisinentour – Erlebnis pur!

 (Eine Memme auf Schienen)

Im September 2000 habe ich im Magazin der deutschen Bahn einen Artikel √ľber Draisinen gelesen, diese “Kisten auf R√§dern”, die man mit Radfahren oder Hebelantrieb √ľber stillgelegte Bahnstrecken bewegt. Eine der Strecken in Deutschland befindet sich in der N√§he von Bad Bergzabern (www.draisinentour.de). Eine e-mail dorthin wurde sofort beantwortet, leider mit der traurigen Nachricht, dass f√ľr die n√§chsten Monate schon alles ausgebucht ist.

Da wir vorhatten, mit acht Personen auf zwei Draisinen die Strecke an einem Tag hin- und am n√§chsten Tag wieder zur√ľckzufahren, sollte sich die Tour auf Juli 2002 verschieben, da wir vorher keine Zeit hatten oder die Draisinen schon ausgebucht waren. Nach zwei weiteren e-mails stand der Termin endlich fest, die Buchungsbest√§tigung kam prompt, nach √úberweisung von 39‚ā¨ pro Draisine/Tag waren wir gespannt, was uns erwarten w√ľrde.

 

Unsere Tour begann am 20. Juli. An geraden Tagen fahren alle Draisinen auf der eingleisigen Strecke von Staudernheim nach Altenglan, an ungeraden Tagen umgekehrt. Staudernheim liegt ca. 60 m tiefer als Altenglan, bei einer Streckenl√§nge von 40 km f√§llt dies meiner Meinung nach nicht ins Gewicht. Unterwegs ist nur bei genauen Hinschauen ein Gef√§lle oder eine Steigung der Gleise zu erahnen. Nicht nur ahnen, sondern deutlich sp√ľren kann man die Seitenneigung der Gleise in den engen Kurven. Insgesamt fahren die Draisinen dennoch so ruhig, dass man Flaschen und Becher nicht festhalten muss, um sie vor Umkippen zu sch√ľtzen. Erstaunlicherweise h√§lt sich auch der Ger√§uschpegel in Grenzen. Ein leises Rauschen dringt von den R√§dern nach oben, ab und zu ein Rattern, wenn man √ľber Weichen f√§hrt oder die Stellen, an denen die Schienenstr√§nge nicht verschwei√üt, sondern nur verschraubt sind. Tipp : Hinter der Sitzbank befindet sich eine Halterung f√ľr einen Sonnenschirm. Wer den von zuhause mitbringt, muss ihn nicht ausleihen.

 Erster Tag:

Den Picknick-Korb und die K√ľhltasche im Auto verstauen und ab auf die Autobahn. Nach einer landschaftlich wundersch√∂nen Fahrt nach Staudernheim kamen wir dort gegen 10:30 an. Unterwegs √ľberquerten wir die Draisinenstrecke, sodass man schon mal einen Blick auf das Vergn√ľgen werfen konnte. Die Ausleihstation der Draisinen ist in Staudernheim beschildert. Dort angekommen nimmt man die Draisinen in Empfang, verstaut sein Gep√§ck. Immerhin waren wir 2 Paare pro Draisine, mit reichlich Picknick-Verpflegung f√ľr zwei Tage und Klamotten zum Wechseln. Die Draisinen sind so ger√§umig, dass wir keine Probleme hatten, alles unterzubringen. Nach einer kurzen Unterweisung (Bremsweg der Draisine, √úberqueren von Strassen, ...) ging es los.

Da wir uns einen hei√üen Sommertag ausgesucht hatten, mussten wir uns vor der Fahrt kr√§ftig eincremen und innerlich erfrischen: Schon nach wenigen Metern erreichten wir den ersten Haltepunkt, Klosterruine Disibodenberg. Auf dem Bild zu sehen: Versto√ü gegen Punkt 10 der Verhaltensregeln f√ľr die Draisinenbenutzung: “Fahren oder Mitfahren nach Alkohol- oder Drogengenuss ist verboten“. Vom Alkoholgenuss w√§hrend der Fahrt allerdings wird nicht abgeraten...


An den Haltepunkten besteht die M√∂glichkeit, die Draisine aus dem Gleis zu heben, auf der Seite abzuschlie√üen (Schl√∂sser in der Leihgeb√ľhr enthalten) und die Gegend zu erkunden. Es besteht dort auch die Chance, die vorausfahrende Draisine zu ”√ľberholen”, wenn deren Besatzung so freundlich ist, ihr Gef√§hrt aus dem Gleis zu heben. Falls nicht, tuckert man dem ‚ÄěVordermann“ hinterher. Im Prinzip fahren alle mit einer √§hnlichen Geschwindigkeit, man hat ja Zeit. Der Abstand der Haltepunkte betr√§gt max. 3 Kilometer, in den Ortschaften ist der Abstand geringer.

Unsere Draisinen haben wir nach ca. 12 km das erste Mal aus den Schienen gehoben, abgeschlossen und unseren ganzen Kram einmal ums und dann ins Schwimmbad der Stadt Meisenheim geschleppt (Eintritt f√ľr Draisinenfahrer frei! Ebenfalls freie Nutzung der dort befindlichen Minigolfbahn). Auf dem Rasen im Schwimmbad waren dann erst mal Picknick und Siesta angesagt. Am besten f√§hrt man nach dem Schwimmbad einen Haltepunkt weiter zum Bahnhof Meisenheim, parkt dort die Draisinen und macht einen Stadtbummel. Die Innenstadt von Meisenheim ist sehenswert. Fachwerkh√§user, Stadtmauer, sp√§tgotische Schlosskirche und ein D√∂nerladen (gell Dennis!).

Wer nicht die ganze Strecke fahren will, kann nach 20km die Mittelstation Lauterecken nutzen, um die Draisine zur√ľckzugeben. In der Leihgeb√ľhr enthalten ist die Fahrt mit dem √ĖPNV zur√ľck zum Startpunkt. Hier in Lauterecken f√§hrt man mit seiner Draisine in den Bahnhof , w√§hrend ein Gleis weiter die Z√ľge der Deutschen Bundesbahn rollen. Man kann sich aber nicht verfahren, alle Weichen sind zugeschwei√üt und die Verbindungen zum Bahnnetz getrennt. Auch in Lauterecken sollte man einen kleinen Ausflug in die Innenstadt einplanen oder sich im Bahnhofscafe st√§rken. Bei der Ausfahrt aus dem Bahnhof Lauterecken √ľberf√§hrt man eine Kreuzweiche. Man k√∂nnte meinen, dass die Draisine jetzt entgleist, aber sie findet zielsicher ihren Weg durch das Geflecht aus den vielen Abzweigen. Dann √ľberquert man eine viel befahrene Strasse. Dazu dr√ľckt man eine Art ‚ÄěDraisinen-Ampel“. Der querende Verkehr auf der Strasse hat dann ‚ÄěRot“, man kann bequem √ľber die Strasse radeln. So eine Ampel kommt am Ende der Strecke in Altenglan nochmal. Die restlichen Strassen-√úberg√§nge sind nur mit einer Schranke gesichert. Hier muss man die Draisine abbremsen, absteigen, die Schranke √∂ffnen und hinter der Draisine wieder schlie√üen. Verhaltensregel Nummer 3a-d: ‚ÄěDie Draisine ist vor der Draisinenschranke anzuhalten, die Schranke von Hand zu √∂ffnen, in Altenglan und Lauterecken ist die Ampelanlage zu bedienen. Der Draisinenfahrer hat mit Handzeichen anzuzeigen, dass er die Strasse √ľberqueren will, die Draisine ist unter Beachtung des Stra√üenverkehrs z√ľgig √ľber die Kreuzung zu schieben“. Bequemer ist es nat√ľrlich, wenn man vor und hinter sich eine weitere Draisine hat. Dann werden deren Besatzungen die Schranken √∂ffnen und wieder schlie√üen, man braucht dann nur mitzurollen. Ansonsten spielt Dennis gerne den Schrankenw√§rter, gelle?

Wer das Kleingedruckte im Mietvertrag genau durchliest, wundert sich √ľber die vielen Verbote. So ist u.a. das Fahren mit einem geringen Abstand nicht erlaubt. Wegen des enormen Bremsweges der Draisinen von 30-50 Metern soll ein Sicherheitsabstand von 50 Metern eingehalten werden. L√§cherlich. Die Bremsen der Draisinen bringen diese nach wenigen Metern zum Stillstand. Im Bild rechts zu sehen: Versto√ü gegen Punkt 7 der Verhaltensregeln f√ľr die Draisinenbenutzung : ‚ÄěDie Draisinen d√ľrfen nicht gekoppelt werden“ und Punkt 4 ‚ÄěHalten Sie mindestens 50 m Abstand zur vorausfahrenden Draisine“. Interessantes Detail: Gelochtes gelbes Bremspedal, trotz Vollbremsung konnte ein leichter Auffahrunfall nicht vermieden werden. Auch das Verbot des Aufstehens w√§hrend der Fahrt (Punkt 5 der...) wurde oft nicht beachtet.

Im Bild zu sehen: Das Stauwehr in Wiesweiler. Hier kann man die F√ľ√üe ein wenig abk√ľhlen, die Wiese vor dem Wehr ist ideal f√ľr ein Picknick.

W√ľrden alle Besatzungen die Draisinen nur an den erlaubten Haltepunkten aus dem Gleis heben, m√ľsste es mehr Haltepunkte geben. Immerhin gibt es 80 Leihdraisinen, die sich an sonnigen Wochenenden komplett auf der Strecke tummeln. Die meisten Haltepunkte sind mit 5-6 Draisinen bereits √ľberf√ľllt. Da hilft nur, die Draisine auch mal zwischen den offiziellen Haltepunkten aus dem Gleis zu heben. Au√üerhalb der Haltepunkte kostet dies allerdings mehr Kraft, da die Draisine dann getragen werden muss und nicht geschoben werden kann. Ich denke, diese vielen Verbote dienen dem Haftungsausschluss des Verleihers. Punkt 12 der Verhaltensregeln: ‚ÄěSch√§den an Personen und Material infolge Nichtbeachtung der Verhaltensregeln gehen zu Lasten des Mieters“. Dann sind sie sinnvoll.

Im Bild zu sehen: Jutta auf der Suche nach Irgendwas im Gep√§ckabteil, Aufstehen w√§hrend der Fahrt leider nicht erlaubt. Was soll’s?

 

W√§hrend der Sommermonate d√ľrfen die Draisinen bis 19:00 an der R√ľckgabestation abgegeben werden. Wer die vollen 40km der Strecke f√§hrt, kann mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von knapp 10km/h rechnen und die Tour sowie die Anzahl der Haltepunkte selbst planen. Wer sich anstrengt, kann mit Radfahrern, die parallel zur Strecke radeln, mithalten. Insgesamt ist das Treten nicht so anstrengend, wie wir es bef√ľrchtet hatten. Ein durchschnittlich trainierter Radfahrer kann die Draisine im Normaltempo auch mal alleine bewegen, wenn der Beifahrer sich mal ein paar Minuten entspannen will. Die Tour ist auch f√ľr Familien mit Kindern geeignet, wenn diese gross genug sind, um auf den S√§tteln der Draisine zu sitzen.

In Bedesbach haben wir angehalten und unser Gep√§ck in die Pension Born geschleppt. Diese befindet sich nur 100m von einem Draisinen-Haltepunkt entfernt. Weitere Adressen zur √úbernachtung unter www.kuseler-musikantenland.de. Nach dem Einchecken in die Pension haben wir zwei m√ľde M√§nner in der Pension zur√ľckgelassen und sind die letzten 2 Kilometer der Strecke gefahren. In Altenglan angekommen, gibt man die Draisinen zur√ľck. Jetzt kann man mit dem √ĖPNV zur√ľck fahren, laufen oder sich vom Pensionskleinbus abholen lassen. Da das Wetter so sch√∂n war, haben wir uns f√ľr Laufen entschieden, nat√ľrlich auf der Bahnstrecke den anderen Draisinenfahrern entgegen. Was nat√ľrlich verboten ist: Punkt 6: “Halten Sie sich nicht vor oder hinter einer auf den Gleisen stehenden Draisine auf – Unfallgefahr“. Dies wird wohl auch im Besonderen f√ľr sich bewegende Draisinen gelten.

In der Pension angekommen gab es nach dem Duschen noch was Deftiges aus der Pf√§lzer K√ľche und einen Schnaps. Unser Picknick f√ľr morgen erholte sich derweil von den Strapazen der heutigen Fahrt im K√ľhlhaus der Pension.

 

 

 

Am Sonntag ging es nach dem Fr√ľhst√ľck bei erneutem Sonnenschein mit dem Kleinbus dann an den Bahnhof, wo die Draisinen erneut auf uns warteten. In der N√§he von Altenglan befindet sich der unserer Meinung nach sch√∂nste Teil der Strecke. Im Schatten f√§hrt man hier √ľber die Gleise, die mittlerweile von Pflanzen √ľberwuchert und fast nicht mehr zu sehen sind. Man hat das Gef√ľhl, √ľber eine Wiese zu schweben.

Besonders erw√§hnenswert sind die vielen stillgelegten Bahnh√∂fe an der Strecke. Mittlerweile liebevoll umgebaut dienen sie als Wohnungen. Man f√§hrt sozusagen den Besitzern der Bahnh√∂fe durch die Terrasse. Mancher Bahnhof ist auch Haltepunkt, um sich eine kleine Erfrischung zu g√∂nnen, Kuchen, Eis, Kaffee usw . Else h√§tte am liebsten alle Bahnh√∂fe gekauft, h√§tte sie genug Geld und st√ľnden Alle zum Verkauf.

Wie bereits erw√§hnt, ist die Strecke “im Prinzip” einspurig. Alle noch eingebauten Weichen sind zugeschwei√üt, damit niemand aus Versehen in der Botanik landet. Diese √ľberwuchert n√§mlich die Gleise neben der Draisinenstrecke. Selbstverst√§ndlich haben wir uns vom ordnungsgem√§√üen Zustand der Weichen √ľberzeugt: Sie k√∂nnen tats√§chlich nicht umgestellt werden. Die Idee, Freunde auf der Draisine hintendran auf ein falsches Gleis zu locken, hatten wohl andere vor uns auch...Wie man es trotzdem schafft, zwei Draisinen auf zwei benachbarten Gleisen nebeneinander herfahren zu lassen, muss jeder selbst herausfinden. Das Bild mit der ‚Äěsuchenden Jutta“ ist jedenfalls so entstanden. Entgegen der Bef√ľrchtungen einiger schreiender Mitfahrerinnen sind wir bei der Parallel-Fahrt auf dem Nachbargleis nicht gestorben.

Nach dem Abstellen der Draisinen an einem der Haltepunkte kann es sein, dass sich Kinder aus dem jeweiligen Ort bereit erkl√§ren, f√ľr ein geringes Entgelt auf die Draisine samt Gep√§ck aufzupassen. Wir haben es nicht ausprobiert. Insgesamt erschien es uns als doch zu riskant, alle Wertsachen, Schl√ľssel, Handys usw. in fremde Kinderh√§nde zu geben. Moderne “Wegelagerei” findet man an einigen der Schranken. Die Kinder halten die Schranken und ihre H√§nde auf, damit man nicht absteigen muss. Allerdings ist das ja verboten, wie bereits erkl√§rt.

 

Insgesamt ist die Tour eine super Idee.

Anregegungen, Kritik oder Lob an:
zeppi@outdoormemme.de